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Schreibaufgabe August - Ein Sommernachtstraum

  • Von Catalina
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Kleiner Musik-Tipp am Anfang: Desire von Ryan Adams

   

Erledigt und mit Kopfschmerzen jenseits von Gut und Böse saß ich nun am späten Abend immer noch vor dem Rechner im Büro und beantwortete Emails. Die letzten Wochen sah unsere Auftragslage sehr gut aus. Aber dies bedeutete auf der anderen Seite auch, dass ich keine Freizeit mehr hatte. Als Chefin einer der führenden Werbeagenturen in New York konnte ich mir keinen Urlaub gönnen. Nicht in der aktuellen Zeit. Der Markt war hart umkämpft und wer auch nur für eine kurze Zeit von der Bildfläche verschwand, war womöglich für immer aus dem Rennen für die großen, guten und gewinnbringenden Aufträge. Das konnte ich mir nicht erlauben!


Für heute Abend würde ich es aber gut sein lassen. Die meisten meiner Mitarbeiter waren bereits im Feierabend und ich selbst konnte mich nicht mehr wirklich konzentrieren. Gerade als ich auf 'senden' gedrückt hatte, stürmte, wie immer ohne anzuklopfen, mein Assistent Jayden in mein Büro. Würde es sich einer meiner anderen Mitarbeiter wagen, wäre er nicht länger Teil meines Teams.


Aber von Jayden kannte ich es nicht anders und er war weit mehr als mein Assistent, denn wir waren beste Freunde und daher hatte er hier einfach mehr Freiheiten als all die anderen. Er nutzte dies nicht aus, machte, eher im Gegenteil, einen sehr guten Job und ohne ihn wäre ich mehr als nur aufgeschmissen.

Er hielt mir in allen erdenklichen Situationen hier den Rücken frei. Wenn ich einen Kundentermin außerhalb hatte, konnte ich mich auf ihn verlassen, dass er die Firma für mich schmiss.


Aber auch mit diesem Wissen und das große Vertrauen, welches ich in Jayden hatte, konnte ich nie abschalten und auch wenn ich das Büro verließ, hatte ich nur die Arbeit im Kopf und meine Gedanken arbeiteten weiter und standen selten still.


„Honey, warum bist du immer noch hier? Du musst dringend einmal heraus! Wann hattest du das letzte Mal Urlaub? Ich habe da den perfekten Plan für dich ...“, der Redeschwall von ihm brach kaum ab und nur der Blick von mir in seine Richtung brachte ihn zum Schweigen.


„Jayden hast du dir einmal unsere Auftragsbücher angeschaut? Ich kann jetzt nicht Urlaub machen!“, antwortete ich ihm genervt. Die Frage an ihn hätte ich mir sparen können, denn er wusste darüber bestens Bescheid.


„Wenn es danach geht, Ava, wirst du am Ende deines Lebens immer noch vor diesem verdammten Rechner sitzen und schwachsinnige Werbetexte schreiben. Aber als erfühlendes Leben würde ich das nicht gerade bezeichnen und da es ja sonst hier niemand tut, sage ich dir jetzt mal etwas: Du machst jetzt sofort Urlaub! Ich möchte dich frühstens in drei Wochen wieder sehen!“


An der Stelle wollte ich ihn unterbrechen, denn war er des Wahnsinns, drei Wochen, das geht nicht. Aber Jayden sah mir sofort an, dass ich ihm widersprechen wollte. Er hob seine Hand, um mich daran zu hindern und führte weiter fort: „Ich werde mich hier um alles kümmern! Du weißt genauso gut wie ich, dass wir ein tolles Team haben, die auch ohne dich einmal ein paar Wochen ordentlich arbeiten, ohne gleich alles gegen die Wand zu fahren. Und für alles andere bin ich ja dann da! Also was sagst du?“


Mit einem siegessicheren Lächeln schaute er mich an und ich rollte nur mit den Augen. Denn hatte ich eigentlich noch eine Wahl?

Ich packte grummelnd meine restlichen Sachen zusammen und im Gehen und die Türen hinter mir schließend, Jayden folgte mir einfach stumm, bat ich ihn: „Also erzähle mir von deinem grandiosen Plan!“


Damit löste ich einen neuen nicht enden wollenden Redeschwall bei Jayden aus und mit den Worten „Bestell' meiner Schwester liebe Grüße von mir!“ schob er mich einige Stunden später in Richtung Gate und ich war auf dem Weg nach San Antonio, Texas.


Schon alleine das Wort Texas löste bei mir eine absolute Gänsehaut aus.

Hallo, kannte mich mein bester Freund überhaupt ein kleines bisschen?

Ich, Ava, komme aus New York! Ich bin dort geboren und aufgewachsen und habe nie woanders gelebt.

Ich bin ein absolutes Großstadtkind und jetzt schickte er mich in diese Pampa.


Okay, San Antonio war immerhin auch noch eine Stadt, aber dort würde ich nur eine Nacht verbringen und dann wollte seine Schwester Caroline mich abholen und zu der Familienranch fahren.


Abschalten, Ruhe von dem Großstadtstress und inneren Frieden finden, nannte Jayden das Ganze. Und ich frage mich nun, inzwischen in dem großen Pick-up von Caroline sitzend, ernsthaft was ich hier gerade machte.

Jayden meinte, die Ranch lege ganz in der Nähe von San Antonio. Nur hatte er anscheinend ein ganz anderes Verständnis von ganz in der Nähe als ich. Denn wir waren bereits seit drei Stunden unterwegs quer durch das Nichts.


Nach weiteren vier Stunden meinte Caroline, dass wir nun da seien und ich schaute sie mehr als ungläubig an, denn hier war immer noch nichts. Okay, nichts ist übertrieben, aber hier standen nur einige wenige Häuser!


Immer noch nicht so recht glauben können, dass ich hier nun die nächsten drei Wochen verbringen sollte, stieg ich langsam aus dem Auto in die sengende Hitze von Texas hinaus.

Jayden's Schwester hob meinen Koffer von der Ladefläche und meinte zu mir: „Willkommen in Lajitas! Komm' mit herüber zur Rezeption, dann gebe ich dir deinen Zimmerschlüssel!“


Als Jayden von einer Familienranch sprach, hatte ich nicht erwartet, dass sich dahinter ein Hotel beziehungsweise ein Golf-Resort verbirgt. Aber genau das war es! Wer bitte schön fuhr hier freiwillig hin?

Wie gesagt, es gab hier draußen nichts, außer Steine und Geröll. Die nächste Stadt, wenn man das als solche bezeichnen konnte, lag ebenfalls zwei Stunden entfernt.


Jayden konnte sich gerade verdammt glücklich schätzen, dass er nicht in meiner greifbaren Nähe war. Denn hallo, hatte der Typ eigentlich noch alle Tassen im Schrank? Ich bin aus New York! Ich lebe und arbeite in Manhattan - der Stadt, die niemals schläft. Die Einöde hier wurde nicht einmal tagsüber so richtig wach!


Ich fühlte mich erst so richtig lebendig, wenn ich all die Lichter der Großstadt um mich herum hatte. Es waren immer Leute um mich herum. In jeder Minute meines Lebens konnte ich hinaus auf die Straße gehen und war nie alleine!


Ich mochte die Einsamkeit nicht. Das war einer der Gründe warum ich die Großstadt der Einsamkeit hier draußen bevorzugte.


Also noch einmal – warum war ich hier?

Das war echt eine gute Frage, die ich mir selbst gerade nicht wirklich beantworten konnte!

Warum hatte ich dem irrsinnigen Plan von Jayden zugestimmt?

Es musste in einem absoluten Anflug von Schwäche gewesen sein!


Hätte ich vorher gewusst, wo sich die Ranch seiner Familie befindet, wäre ich jetzt nicht hier, soviel stand fest.


Jetzt schnappte ich mir erst einmal mein Gepäck und folgte Caroline. Alles um mich herum wirkte wie aus einem dieser uralten Filme. Es kam mir vor, als wäre ich in einer Westernstadt und in einer komplett anderen Zeit gelandet. Aber dem war wahrscheinlich auch so, denn die Uhren hier in Texas tickten doch anders.


Aber das innere der Lobby überraschte mich dann doch. Denn hier wirkte alles sehr edel und großzügig, trotzdem immer noch in dem typischen Texas-Charm, aber sehr gehoben und wäre da draußen mehr los, könnte dieses Resort gut mit einen der 5-Sterne-Hotels in New York mithalten.


Die ersten Stunden in dieser Einsamkeit und nachdem ich mein Zimmer bezogen hatte, streifte ich ein wenig durch das kleine Resort. Ich musste zugeben, dass es echt schön gemacht war, aber es gab hier eben ansonsten nichts!


An der einzigen Straße hier stand ein Schild mit der Aufschrift 'Letzte Tankstelle für die nächsten 55 Meilen'.

Oh man, wo war ich hier nur gelandet?


Im Garten, der parkähnlich angelegt war, entdeckte ich aber immerhin einen Pool. So würde die sengende Hitze wenigstens etwas erträglich sein.


Da es inzwischen auf den Abend zu ging, schaute ich mich nach etwas zum Essen um und fand ein kleines Restaurant, welches zu dem Resort gehörte. Wohl bemerkt das einzige Restaurant weit und breit. Ich konnte nur hoffen, dass das Essen gut war, ansonsten würden es lange und zähe drei Wochen werden.


Mir würde ein Platz auf der überdachten Terrasse zu gewiesen und während ich bei einem Glas Wein das wirklich gute Essen genoss, konnte ich in der Dämmerung kleine Fledermäuse fliegen sehen.


Wenn ich nicht weiter darüber nachdachte, dass ich in der absoluten Einsamkeit war, musste ich doch zugeben, dass es echt schön hier war.

Aber ich musste mir gut überlegen, wie ich hier meine Tage gestaltete. Ich war niemand, der den ganzen Tag nichts tun konnte. Ich brauchte Aktion und Leben um mich herum. Ich kannte es nicht anders.


In New York war es niemals leise! Die Stadt schlief tatsächlich nie. Denn, auch wenn man mitten in Nacht hinaus auf die Straßen ging, traf man immer Leute an. Der Verkehr auf den Straßen ruhte nie.

Es war einfach so gänzlich anders, zu dem was ich hier fand. Denn selbst am heller lichten Tage war man hier von der absoluten Stille umgeben und nur hin und wieder hörte man die Crickets zirpen.


Nach meinen Abendessen und auf dem Weg zurück zu meinem Zimmer, welches sich in einem der Nebengebäude befand, versuchte ich Jayden zu erreichen. Aber der ging nicht an sein Handy. Manchmal frage ich mich, wozu der Kerl überhaupt ein Telefon hatte, wenn er es doch nicht nutzte. Also schrieb ich ihm nur eine Nachricht, in der ich ihn wissen ließ, was ich von seiner Akion 'Wir schicken Ava in den Urlaub' hielt.


Ich wurde am nächsten Morgen recht früh wach, geweckt von der ungewohnten Stille um mich herum. Hier gab eine keine hupenden Autos, keine Sirenen der Polizei- und Feuerwehrfahrzeuge. Es war einfach nur still! Nur das Suren der Klimaanlage war zu hören.


Nachdem ich mit der Dusche fertig war, lief ich langsam hinüber zu dem Haupthaus, in dem sich auch das Restaurant befand. Ich hoffte, dass es auch zu dieser doch noch recht frühen Stunde dort schon etwas zum Frühstücken gab oder zumindest einen Kaffee.


Aber ich wurde enttäuscht, stand nun vor verschlossener Tür und ein Schild mit den Öffnungszeiten sagte mir, dass es erst in zwei Stunden etwas geben wird. Großartig! Was sollte ich nun machen?


Caroline meinte gestern irgendwas davon, dass die ursprüngliche Ranch vorne die Straße hinunterliegt. Vielleicht würde ich sie dort antreffen und auch schon ein Frühstück bekommen.

Also entschied ich mich, dort hinzulaufen. Es war alles besser, als hier zu sitzen und zu warten auf die Dinge, die da kommen.


Genauso sehr wie ich die Einsamkeit verabscheute, mochte ich nämlich auch das Nichts tun nicht. Ich war ständig in Bewegung und immer auf Achse. Stillstand gab es bei mir in der Regel nicht. Wenn ich nicht arbeitete, war ich auf den Straßen von New York unterwegs. Ich traf mich mit Freunden, genoss das Leben und die Freiheiten, die mir die Großstadt brachte, in vollen Zügen.


Also kam es auch hier für mich nicht in Frage einfach nur darauf zu warten, dass es endlich Frühstück in dem Restaurant gab.

Aus meinem Zimmer holte ich mir noch eine Flasche Wasser, da bereits die ersten Sonnenstrahlen des Tages eine unglaubliche Hitze erzeugten, und dann machte ich mich auf den Weg in die Richtung von dem alten Ranchhaus.


Und genau diese Entscheidung an meinem ersten Tag in meinem Urlaub sollte mein Leben grundlegend verändern!


Sehr bald tauchten am Straßenrand große Pferdekoppeln auf und am Ende derer stand ein großes, weißes Haus, welches umschlossen würde von einer wunderschönen Veranda. Das musste das alte Ranchhaus sein! Es sah echt schön aus und wirkte sehr verträumt.


Ich lief den Sandweg, der neben der Koppeln hinauf zum Haus führte, entlang. In der Nähe des Hauses kam eines der Pferde an den Zaun heran. Ich ging darauf zu und streichelte über den Hals des Tieres. Es stupste mich mit seiner Nase an die Schulter und schnaubte auf. Es schien, als ob es etwas suchte! Lachend und es weiterhin streichelnd, sagte ich: „Ich habe nichts zu Essen für dich, da musst du auf deinen Besitzer warten!“


Ich war so vertieft in meinem Tun, dass ich regelrecht erschreckte, als hinter mir die ruhige Stimme eines Mannes erklang: „Mam', seien sie lieber vorsichtig mit dem!“


Als ich mich herumdrehte, legte das Pferd seinen Kopf über meine Schulter und wir schauten beide in das etwas verwirrte Gesicht eines Mannes, der in etwa mein Alter haben musste. Er hatte dunkel-blaue Augen, seine Haut war gebräunt von der Sonne, er trug neben einer Jeans ein Hemd und auf seinem Kopf befand sich ein heller Cowboyhut.


Da ich nicht wusste, was er mit seiner Aussage mir gegenüber meinte, fragte ich ihn ganz schlicht: „Wieso?“, und strich dabei über meine Schulter greifend weiterhin das Pferd, welches mir nicht von der Seite weichen wollte.


„Er ist normalerweise nicht so zu traulich. Gerade Fremden gegenüber kommt es doch eher vor, dass er auch einmal beißt. Ich habe ihn noch nie so erlebt!“, meinte der Unbekannte und führte dann, nachdem er kurz seinen Kopf schüttelte, fort: „Ich bin übrigens Luke! Sie müssen der Gast meiner Cousine sein?“


„Wenn Sie Caroline meinen, dann ja! Ich heiße Ava.“, grinste ich ihn an und reichte ihm die Hand.

Als seine die meine berührte, durchfuhr mich ein angenehmes Kribbeln. Mein Grinsen wurde beinahe noch breiter und auch auf Luke's Gesicht erschien ein Lächeln.


Wir verfielen schnell in ein lockeres Gespräch. Er wollte wissen, was mich hier herverschlägt und so erzählte ich ihm von Jayden und meiner befohlenen Auszeit. Irgendwann fand ich mich mit Luke auf der Veranda des Hauses wieder und er hatte uns Kaffee gemacht. Das Gespräch zwischen uns brach nie ab und wir lachten viel.


Ich bin ein sehr kontaktfreudiger Mensch, aber so etwas wie mit Luke ist mir auch noch nie passiert. Denn hier mit ihm vergaß ich die Zeit um mich herum komplett und wäre Luke nicht irgendwann aufgesprungen und hätte gemeint, dass er sich dringend an seine Arbeit machen müsste, würden wir zwei wahrscheinlich immer noch dort sitzen.


Er bot mir an, ihn zu begleiten und da ich eh nicht wusste, was ich sonst den ganzen Tag tun sollte, tat ich genau dies.


Im Gehen schaute er allerdings auf meine Füße und meinte: „Wir sollten allerdings schauen, dass wir andere Schuhe für dich finden. Mit Flipflops lasse ich dich gewiss nicht in die Stallungen!“


Keine Ahnung was an meinen Schuhen so verkehrt war und mein Blick war wohl eindeutig, denn er sprach gleich weiter: „Naja, Flipflops sind nicht gerade die besten Schuhe für hier draußen! Die Verletzungsgefahr ist zu groß und ich weiß, dass ihr damit in der Stadt nichts zu tun habt, aber hier gibt es unter anderem auch Klapperschlangen und die hätten bei dir leichtes Spiel. Komm', Caroline hat sicherlich ein Paar Boots für dich im Haus, die passen könnten!“


Ich musste ihm leider Recht geben, denn an Schlangen und ähnliches hatte ich nicht gedacht und so folgte ich ihm und hatte tatsächlich kurze Zeit später meine Flipflops gegen ein Paar Cowboy-Stiefel getauscht. Die waren überraschenderweise super bequem und ich stellte sehr schnell fest, dass die Idee mit den Schuhen von Luke sehr gut war, denn ich hatte doch einen besseren Halt in ihnen.


Da ich kein Mensch des Nichts tun war und Luke auch nicht bei seiner Arbeit im Weg stehen wollte, griff ich mir auch eine Mistgabel und fing an ihm beim Ausmisten der Boxen zu helfen.


Es war eine ungewohnte Arbeit für mich. War es sonst immer eher mein Kopf, der arbeite, forderte mich dies hier körperlich einiges ab. Hinzu kam die unsagbare Hitze und so kam ich sehr schnell aus der Puste.

Aber Aufgeben kam für mich nicht in Frage! Da Luke und ich uns gut unterhielten und viel lachten währenddessen, wurde ich gut abgelenkt und die Arbeit ging mir doch recht gut von der Hand.


Als wir mit der letzten Box fertig waren, nahm Luke mir die Mistgabel ab und bedankte sich bei mir für die Hilfe. Er bot mir auch an, dass ich mich im Haus frisch machen könnte, aber das lehnte ich ab und wollte lieber wieder hinüber auf mein Zimmer gehen und mich dort in aller Ruhe duschen.


Schnell tauschte ich wieder die Schuhe und Luke fuhr mich noch eben mit seinem Pickup hinüber zum Resort. Es war das erste Mal seit unserem Aufeinandertreffen, dass wir schwiegen. Aber es war nicht unangenehm. Eher im Gegenteil, denn ich fühlte mich in seiner Gegenwart auch mit dieser Stille sehr wohl.


Die Fahrt dauerte nicht lange und beim Aussteigen rief Luke mir hinterher: „Sehe ich dich wieder?“


Grinsend drehte ich mich noch einmal zu ihm herum und meinte: „Ich hänge, dank deinem Cousin, hier die nächsten drei Wochen fest, also gut möglich!“


Damit ließ ich die Autotür zu fallen, drehte mich herum und ging in die Richtung, in der mein Zimmer lag. Ich bekam das Grinsen nicht mehr aus dem Gesicht.


Ich stand inzwischen längst unter der Dusche und wusste gerade selbst nicht so recht, was mit mir los war. Hatte ich Jayden gestern noch verflucht und den Tod an den Hals gewünscht, dafür dass er mich hier hergeschickt hatte, konnte ich ihm im Moment gar nicht genug danken.


So etwas wie mit Luke ist mir noch nie passiert. Ich knüpfte recht schnell Bekanntschaften, aber es waren eben auch nur Bekannte. Bei Luke hatte ich das Gefühl, als würde ich ihn schon Ewigkeiten kennen. Die Gespräche zwischen uns waren so leicht, es gab keinen Stillstand und auch nicht eine Minute des unangenehmen Schweigens. Ich fühlte mich in seiner Nähe einfach unglaublich wohl.


Auch wenn ich es vorhin war, die erst einmal die räumliche Distanz suchte, so merkte ich nun hier alleine in meinem Zimmer aber auch, dass ich eigentlich nichts lieber wollte, als gleich wieder hinüber zu dem alten Ranchhaus zu gehen und nach Luke zu suchen.

Ich wollte mehr Zeit mit ihm verbringen, ihn besser kennenlernen und doch auf der anderen Seite ihm auch nicht zu offensichtlich zeigen, dass ich ihn mochte.


Mochte war eh noch die Untertreibung des Jahrhunderts, denn wenn ich ganz ehrlich zu mir selbst war, hatte ich mich in diesen Kerl auf den ersten Blick verliebt.

Alleine seine sanfte Stimme, mit dem süßen, texanischen Akzent und dazu diese dunkel-blauen Augen – einfach nur WOW!!!


Und was ich sehr schnell feststellte, er war unglaublich hilfsbereit, nett und hatte einen Humor genau nach meinem Geschmack. Ich habe mit ihm soviel gelacht, wie das ganze letzte Jahr nicht.


Ich hätte nie daran gedacht, dass ich mich hier verlieben könnte. Aber so ist es ja oft im Leben – es kommt immer anders, als man denkt!


Als ich mich nach der Dusche wieder fertig angezogen auf das große Bett schmiss, griff ich nach meinem Handy und dort fand ich eine Nachricht von Jayden: Ruf' mich sofort an, wenn du das liest!'


„Hallo mein liebster, bester Freund! Was gibt es denn so dringendes, dass ich dich unbedingt anrufen muss?“, begrüßte ich Jayden glücklich vor mich hin grinsend am Telefon, nachdem er nach dem dritten Klingeln an sein Handy gegangen war.


„Gestern wolltest du mich am liebsten umbringen und heute solch eine Begrüßung? Luke hat mich gerade schon angerufen und nach dir ausgefragt. Schätzchen, du bist kaum zwei Tage weg! Was läuft da bitte? Und ich möchte alles wissen, jedes noch so schmutzige Detail und wag' es dich ja nicht irgendwas auszulassen, ich bekomme es ja doch heraus!“


Da ich ihn gestern nur per SMS erreicht hatte, fing ich wirklich ganz von Vorne mit meinen Erzählungen an und ich wusste ziemlich genau, dass es ihn einen Scheißdreck interessiert, wie der Flug war oder gar die Fahrt mit seiner Schwester bis hierher.

Aber er wollte ja schließlich alles wissen und ich war trotz allem immer noch etwas sauer, dass er mir verheimlicht hatte, in was für eine Einsamkeit er mich hier schickte. Außerdem fragte ich ihn auch noch einmal, wie er auf die Idee kam, mir weismachen zu wollen, dass sieben Stunden Autofahrt in der Nähe von irgendwas sei?


Das alles interessierte ihn natürlich nicht die Bohne und er versuchte das Gespräch ganz gezielt auf seinen Cousin zu lenken, aber ich ließ mich nicht von meinem detaillierten Erzählungen abbringen und schaute mal, wie weit ich das Spiel noch treiben konnte, bevor Jayden gänzlich genervt war.


Ich hatte aber auch echt Mühe hier nicht in schallendes Gelächter auszubrechen. Es machte Spaß meinen besten Freund zu ärgern und ich bekam weiterhin nicht das Grinsen aus dem Gesicht.


Als ich anfing die tote, öde, grau-braune Gas-Stein-Geröll-Landschaft auf den Weg hierher zu beschreiben und wie touristisch wertvoll das ja sei und dass man das unbedingt gesehen haben musste, knickte Jayden endlich ein: „Okay, okay, Ava, ich habe es verstanden! Hör' auf! Es tut mir leid, dass ich dich unwissend dort hingeschickt habe, ich weiß selbst, dass es dort öde ist, aber du hättest dem sonst nie zugestimmt.“


Ich konnte nun mein Lachen einfach nicht mehr zurückhalten. Denn ich konnte mir Jayden auch nur allzu gut bildlich vorstellen, wie er schuldbewusst schauend dort stand. Er setzte mehrmals zum Sprechen an, aber da ich immer noch lachen musste, brach er es doch wieder ab und wartete erst einmal, dass ich mich beruhigte: „Also Ava, was ist das mit dir und Luke? Was hast du mit dem armen Kerl angestellt?“


„Frag lieber, was er mit mir macht! Jay, ich weiß selbst nicht, was das ist. Wir sind uns heute Früh das erste Mal begegnet und haben den Vormittag zusammen verbracht und am liebsten würde ich jetzt sofort wieder zu ihm zurückgehen. Es ist total verrückt, oder?“


„Ava, das klingt nach schwer verliebt und wenn ich ehrlich sein darf, klang Luke gerade bei unserem Telefonat nicht viel besser als du. Also geh' schon und such' ihn!“, meinte er und ich konnte deutlich hören, dass er dabei grinste.


Jayden hatte leicht reden, er war ja auch tausende Meilen weit entfernt und nicht einmal selbst betroffen. Hätte er mich nicht wenigstens vorwarnen können, dass er einen so süßen Cousin hatte? Genau das hielt ich ihm jetzt, um Zeit zu schinden, auch vor und seine Antwort kam prompt: „Ich wusste selbst nicht, dass er gerade ebenfalls zu Hause ist. Er verbringt dort nur die Sommermonate, um Caroline etwas zu helfen!“


Lahme Ausrede, aber okay!


„Weißt du, wo er ansonsten wohnt?“, fragte ich Jayden noch.


„Ob du es glaubst oder nicht, aber er arbeitet oben in Boston! Also nicht allzu weit von uns hier entfernt“, antwortete er mir.


Okay, das klang ja gar nicht so schlecht!

Wir redeten noch eine ganze Weile miteinander, wurden aber dann von einem Klopfen an meiner Zimmertür unterbrochen.


„Jay, ich muss Schluss machen, es ist jemand an der Tür!“, als ich das sagte, sprang ich auch schon auf und lief zu besagter Tür. Jayden immer noch am Telefon, öffnete ich meinem Besucher und hörte gar nicht mehr zu, was mein bester Freund von sich gab.


Denn kaum hatte ich die Tür auf, schaute ich in die für mich schönsten Augen der Welt. Auf mein Gesicht legte sich sofort wieder ein Lächeln, welches mich schon den ganzen Tag begleitete und auch meinem Gegenüber erging es nicht anders.


„Jay, ich melde mich!“, damit drückte ich ihn einfach weg und brachte ein leisen „Hallo“ für Luke heraus.


„Hey! Caroline meinte, du warst heute noch nicht beim Essen?!“, als Luke das erwähnte, schien sich mein Körper sofort daran zu erinnern und prompt knurrte mein Magen. Das brachte Luke wiederum zum Lachen und ich konnte nicht anders als mit einstimmen.


So kam es, dass ich gleich an meinem ersten Tag von Luke auf die alte Ranch zum Mittagessen eingeladen wurde. Seine Grandma hatte für alle gekocht. Sie tat dies wohl jeden Tag und so war ich auch nicht der einzige Gast im Haus. Es fanden sich viele der Angestellten hier ein und genossen ihre Pause.


Wie bereits am Vormittag verfielen auch hier Luke und ich sehr schnell in ein lockeres Gespräch. Es gab kaum etwas über das wir nicht sprechen konnten und ich kam tatsächlich einmal zur Ruhe. Meinen Alltag in New York konnte ich für den Moment hinter mir lassen.


Irgendwann saßen wir, wie heute Morgen schon einmal, auf der Veranda uns gegenüber auf der großen Hängeschaukel. Immer noch in unser Gespräch vertieft, vergaßen wir beide alles um uns herum – Zeit und Ort spielten keine Rolle mehr – für mich zählte nur der Mann mir gegenüber – Luke!


Und das hatte sich bis heute, beinahe drei Jahre später, noch immer nicht geändert.


Luke ging es damals genauso wie mir – es war bei uns beiden Liebe auf den ersten Blick!


Für mich endete mein vermeidlicher Albtraum-Zwangsurlaub in meinem persönlichen Sommernachtstraum.


Am Ende meines Urlaubes fiel es mir dann doch unglaublich schwer, Texas hinter mir zu lassen, denn damit verließ ich auch erst einmal Luke und unsere neugewonnene Beziehung wurde auf eine erste harte Probe gestellt.

Luke wollte noch bis in den Herbst hinein auf der Ranch aushelfen und selbst danach wohnte er in Boston und ich in New York.


Aber trotz aller Schwierigkeiten war die Liebe zwischen uns größer und wir arrangierten uns mit einer Fernbeziehung zwischen den zwei Städten. Die Sommer hingegen verbrachten wir zusammen in Texas auf der Ranch.


Auch in diesem Jahr waren wir wieder hier und wie an so vielen anderen Abenden auch saßen wir in dem Restaurant seiner Cousine auf der Terrasse und ließen uns das sehr gute Essen zusammen mit einem Glas Wein schmecken.


Die Sonne war längst untergegangen.

Leise spielte Musik im Hintergrund.

Luke stand nun auf, hielt mir seine Hand entgegen und bat mich so stumm darum mit ihm zu tanzen.


In seinen Armen ließ ich mich fallen, ließ mich von ihm führen und schwebte beinahe schwerelos über die Tanzfläche.

Ich genoss seine Nähe, niemanden vertraute und liebte ich mehr als Luke. Mein Kopf ruhte auf seine Schulter. Seinen sanften Atem konnte ich in meinem Nacken spüren und lauschte dem für mich schönsten Geräusch – seinen Herzschlag.


Es schien, als würde mein persönlicher Sommernachtstraum nie enden, eher als würde dieser nun erst richtig beginnen.


Wir tanzten immer noch, als Luke mit leiser, aber doch auch fester Stimme, sagte: „Heirate mich, Ava!“


Catalina
Catalina

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