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Das Blut des Bacchus - Erster Entwurf

  • Von Neyator
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Das Blut des Bacchus - Erster Entwurf


Jeder Ort hat Geschichten zu erzählen.


Wenn man so alt ist wie ich, hat man unzählige Begebenheiten, Legenden und Anekdoten auf der Zunge.


Ihr fragt euch jetzt sicher, wie ein Ort eine Geschichte erzählen kann.


Kann er.


Und ich habe eine für euch.


Wer ich bin?


Im Laufe der Jahrhunderte trug ich viele Namen: Borbetomagus. Civitas Vangonium. Wermajze. Wormatia. Worms.


Der Einfachheit halber nennt mich Bormo. Es gibt schlechtere Rufnamen, nicht wahr?


Ihr kennt mich nicht? Das hatte ich befürchtet. In der jüngeren Geschichten habe ich an Bedeutung verloren. Man hat heute den Eindruck, ich hätte nichts Weltbewegendes zu berichten.


Ich.


Sohn des Vater Rhein.


Garnison der Römer.


Eine der ältesten Städte Deutschlands.


Ein Machtzentrum des Frankenreichs.


Der Stolz der Salier.


Die Stadt der Nibelungen.


Ich sah Martin Luther vor dem Reichstag stehen.


Ich sah den Pfälzischen Erbfolgekrieg.


Ich sah im 2. Weltkrieg die Bomben fallen.


Meine Herscher waren Rom. Das Heilige Römische Reich. Frankreich. Hessen-Darmstadt. Berlin. Bonn.


Meine wahrhaft alte jüdische Gemeinde brachte die Familie Löw hervor. Einer von ihnen schuf den Golem von Prag.


Goethe schrieb einst, er würde Worms und seine Bewohner niemals vergessen.


Sind ja alles keine nennenswerten Dinge. Doch genug des Sarkasmus. Nicht jeder Ort hat von weltbewegenden Begebenheiten zu berichten. Nicht jeder Ort ist ein geistiges oder weltliches Zentrum, und kein Ort der Welt kann das durchgehend von sich behaupten. Mein nördlicher Nachbar Mogon behauptet allerdings immer: Wer im Krieg keinen Bomben aufs Dach bekam, ist ein kleiner Fisch. Mal ehrlich, ich kann mir angenehmere Vergleiche vorstellen.


Aber eine Geschichte muss nicht von weltbewegender, gar epischer Natur sein. Auch die persönlichen Erzählungen können interessant sein. Was ich euch nun erzähle, habt ihr sicher noch nicht gehört. Viele Wormser selbst haben nie von diesen Ereignissen erfahren, und selbst die Zeitzeugen erinnern sich nur noch durch einen dichten Nebelschleier daran.


Gleichwohl ich sie erzähle, wurde die Geschichte von vielen kleinen Orten zusammengetragen, den Kindern des Wonnegau. Meine Helden sind ohne Rang und Namen, gewöhnliche Menschen wie ihr.


Gebt nun gut acht.




Jeder Ort hat einen bestimmten Charakter. Die großen Städte locken damit unzählige Gäste aus aller Welt in ihre Straßen oder sind als Molochs verschrien, die ihre Kinder fressen. Aber nichts ist ausgeprägter als der Charakter eines Dorfs. Kein Dorf ist wie das andere, einzigartig, bei seinen Nachbarn berüchtigt. Punkte auf der Landkarte, bei denen der Stift aber so spitz sein muss, dass er fast das Papier durchsticht.


Dörfer haben, anders als Metropolen, kaum mehr als ein oder zwei Spitznamen. Dörfer bringen es eben auf den Punkt. Dörfer sind, was sie sind.


Abo ist so ein Dorf.


Nur um Missverständnisse zu vermeiden: Das ist nicht sein offizieller Name. Wir Orte haben die Angewohnheit, uns mit einfach Spitznamen zu rufen, die aus der Zeit unserer Gründung stammen. Schließlich gab es einen Grund, warum wir so heißen, wie wir heißen.


Die amtlich korrekte Bezeichnung meines Freundes und Adoptivsohnes Abo ist Worms-Abenheim. Ja, viele Orte nahmen durch Gebietsreformen wie 1969 Doppelnamen an. Ist doch schön, wenn man seinen Namen behält. Ich verstehe nicht, warum mancher Ort sich freiwillig umbenennt.


Was bitteschön ist denn an Blödesheim so schlimm? Namen machen keinen Charakter aus.


Abenheim, das Heim des Abo. Owerum, so der Dialekt. Den Einheimischen auch bekannt als Klein-Rom.


Die Einwohner sind die Abenheimer, die Owerumer, die Bohnesäck.


Fragt mich nicht, warum man sie als Bohnensäcke bezeichnet. Abo redet nie darüber. Menschen haben schon seltsame Angewohnheit, einander zu bezeichnen. Man sollte sich auch nicht zu viele Gedanken darüber machen. Es ist was Persönliches, etwas triviales, das selbst große Menschen auf das kleine Universum ihrer Heimat reduziert. Zarin Alexandra war eben auch nur eine Darmstädter Heinerin.


Doch ich schweife ab.


Dörfer führen unterschiedliche Beziehungen zueinander, mache scherzhaft, manche so ernsthaft und selbstverständlich wie ein ungeschriebenes Gesetz. Sie ändern sich mit der Zeit, und in der globalisierten Welt bestimmen sie nicht mehr den Alltag der Bewohner. Was nicht heißt, dass sie ihren Charakter verlieren.


Abo kennt das: Man zieht über Gundheim her, man heiratet nach Herrnsheim. Mit Osthofen will man nichts zu tun haben und nach Westhofen fährt kein Zug. Dort leben Katholiken und Protestanten Tür an Tür, mit denen stimmt doch was nicht. Nach Worms geht man zum Arbeiten. Heute sind das meist Sprüche, früher war das Alltag.


Was ich nun erzählen möchte, begann in Abenheim im Spätsommer des Jahres 1987.


Damals waren Hans Ketterle Ortsvorsteher und Helmut Heinisch war Pfarrer...


Das interessiert niemanden, sagt ihr? Das sind unbekannte Personen?


Ihr habt nicht ganz unrecht. Es waren keine weltberühmten Personen. Ich habe euch schon oben darauf hingewiesen, dass es für diese Geschichte nicht von Belang ist, ob Helmut Kohl Bundeskanzler eines damals noch geteilten Deutschlands war, oder Ronald Reagan Präsident der Vereinigten Staaten.


Aus der Sicht der Abenheimer waren Ketterle und Heinisch jedoch die wichtigsten Personen vor Ort. Man kannte sie persönlich, sah sich auf der Straße, anders als die Großen, die man nur aus den Medien kannte.


Also noch mal.


Ketterle war Ortsvorsteher, Heinisch Pfarrer und Michael Jackson hatte gerade sein Album Bad herausgebracht.


Zufrieden?


Abenheim liegt unterhalb eines Hügels, den man Klausenberg nennt. Auf ihm, inmitten weitläufiger Weinberge, thront die Michaelskapelle. Ebenso ist der gelbe Turm der St.-Bonifatius-Kirche weithin zu sehen. Ein paar wenige, aber markante Wahrzeichen.


Wo ich gerade von Weinbergen sprach: Natürlich muss es da Winzer geben, die die Trauben ernten und sie zu Wein verarbeiten. In Abenheim sind sie reich an der Zahl. Meine Geschichte beginnt auf solch einem Weingut, mitten in der Wonnegaustraße gelegen und trotzdem eines, das man leicht übersieht...



Gepostet in Kultur :: Entwurf, Abenteuer

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